Das regeln die unter sich

In Begegnungen mit Hunden fallen gern so Phrasen wie „das regeln die unter sich“, „der tut nichts“ und Co…
Haben Sie den Satz auch schon mal zu hören bekommen?
Oder sogar selbst gesagt?

Natürlich klären Hunde viele Dinge untereinander. Ihre Körpersprache ist so fein und diffizil, das Meiste der hündischen Kommunikation bekommen wir davon gar nicht mit.
Nur wenn wir genau hinsehen, können wir ein Blinzeln oder eine Gewichtsverlagerung wahrnehmen oder wir erkennen, dass das Schnüffeln am Boden nicht einem tollen Geruch geschuldet ist, sondern ein Teil der Kommunikation mit einem Artgenossen ist. Leider wird viel zu viel der hündischen Kommunikation von den Bezugspersonen übersehen und es kommt zu kritischen Situationen. Dann stellt sich die Frage: Eingreifen oder sollen die Hunde das unter sich klären?
Schauen wir uns das mal an…
Was passiert, wenn wir Hunde einen Konflikt selbst austragen lassen?

Gewinner und Verlierer

Wir haben dabei folglich einen Hund, der sich durchsetzt- den „Gewinner“. Vielleicht, weil er körperlich überlegen ist oder weil er schneller und intensiver bereit war aggressives Verhalten einzusetzen. Dieser Hund hat gelernt, dass sein unfreundliches Verhalten zum Erfolg geführt hat. Erfolgreiche Verhaltensweisen werden immer wieder, immer öfter und gern auch intensiver eingesetzt, denn nichts ist motivierender als Erfolg. Dabei spielt es keine Rolle ob es Drohen, Schnappen, Rempeln oder andere einschränkende Verhaltensweisen waren, die ihm in einem Konflikt geholfen haben. Also hat der „Gewinner“ gelernt, dass aggressives Verhalten zum Erfolg führt. Dieser „Gewinner“ hat also nichts gewonnen, sondern gutes Sozialverhalten verloren.

Kommunikation muss gelernt werden

Der andere Hund, der den Konflikt „verloren“ hat konnte und musste auch etwas lernen. Er hat gelernt, dass andere Hunde grob werden können, dass der Kontakt zu anderen Hunden weh tun kann und dass andere Hunde sehr unangenehm sein können. An einem Lebewesen gehen solche Erfahrungen niemals spurlos vorbei.
Je nach Charakter werden die Hunde entweder unsicherer und ängstlicher im Bezug auf andere Hunde oder aber sie beginnen aktiv zu werden um solche unschönen Situationen zu vermeiden. In der Regel beginnt es mit einem Ausweichen, einem Knurren oder Verbellen von anderen Hunden. Hilft dies nicht, kann es durchaus dazu kommen, dass Artgenossen mit aggressivem Verhalten auf Distanz gehalten werden sollen.
Schon haben wir einen grundsätzlich freundlichen Hund durch unschöne Begegnungen zu einem unfreundlichen Hund gemacht, nur weil wir ihn in unangenehme Situationen gebracht bzw. darin gelassen haben.

Aus einer „Das regeln die unter sich“ – Situation gehen also immer zwei Verlierer hervor. Keiner der Hunde lernt etwas sinnvolles -ganz im Gegenteil. Das beginnt bereits in den allseits geliebten Welpengruppen. Gerade in den weiterführenden Junghundegruppen in denen (sexuelle) Konkurrenz zu Tage kommt und das Spielen ruppiger wird und auch gern mal in echte Aggressionen umschlägt, produzieren wir uns Hunde die unangenehm auf Artgenossen reagieren.

Nicht die Menge der Hundekontakte ist entscheidend, sondern die Qualität
„Dann lernt der das mal!“- Aussagen

„Dann lernt meiner das mal“ ist auch eine Aussage, die viele Menschen kennen, die einen anderen Hundehalter gebeten haben, ihren Hund nicht an den eigenen heran zu lassen, weil dieser aggressiv reagieren würde. Was soll denn der fremde Hund lernen?
Abgespeichert wird wieder nur, dass Artgenossen unangenehm sind. Der zweite Hund lernt auch wieder nur, dass er noch deutlicher und aggressiver sein muss, um den Kontakt zu einem anderen Hund zu vermeiden.
Kommt es tatsächlich mal zu Verletzungen oder gar zu Tierarztkosten hat derjenige, der die Aussage „Dann lernt der das mal“ oder „Das Regeln die unter sich“ ausgesprochen hat natürlich nie etwas gesagt und ist wild am fluchen über den bösen und aggressiven Hund…. gern wird dann auch mit Anzeige gedroht….

Seltsamer Weise kommen solche Sprüche gern von Besitzern etwas größeren, kräftigen oder schon sehr steif und frontal ausgerichteten Hunden. Kaum ein Hundebesitzer eines kleinen U10 kg Hundes würde eine solche Aussage tätigen. Zufall?
Womit wir beim nächsten Thema sind:

Mini- und Handtaschenhunde

Wir kennen doch alle diese kleinen Hunde, kaum größer als ein Zwergkaninchen aber am  Bellen und Knurren wie wild. Glauben Sie wirklich, die kleinen Hunde sind alle aggressiv? Oder unerzogen? Oder zeigen dieses Verhalten, weil sie ständig auf dem Arm herumgetragen werden? Nein, definitiv nicht. Sie haben gelernt dass ihre Bedürfnisse missachtet werden, dass sie nicht ernst genommen werden, wenn sie anders kommunizieren. Diesen kleinen Hunden bleibt keine andere Wahl als aggressiv und abwehrend zu sein.

Die meisten dieser kleinen Hunde haben im Laufe ihres Leben verschiedene Erfahrungen mit anderen (meist größeren) Hunden gemacht. Auf Grund der Gewichtsunterschiede waren diese Erfahrungen zumeist unangenehm, schmerzhaft oder ängstigend. Da kann der andere Hund noch so lieb und nett sein, ein freundschaftlicher Schubser oder ein kleiner aufmunternder Pfotenhieb sind zwischen gleichgroßen Hunden kein Problem, aber bei einem deutlichen Gewichtsunterschied sind solch freundliche und spielerische Gesten schnell schmerzhaft. Schmerzen und ängstigende Situationen werden besonders intensiv und gewissenhaft vom Gehirn gespeichert.

Natürlich heißt das im Umkehrschluss nicht, dass unsere Hunde keinen freien Kontakt mehr zu anderen Hunden haben dürfen und dass wir Menschen alles und jedes Verhalten im Hundekontakt moderieren müssen. ABER, den Hund in einer kritischen oder für ihn unangenehmen Situation allein zu lassen ist falsch. Natürlich sollen Hunde über den Kontakt in kritischen Situationen auch lernen miteinander Lösungen zu finden. Dazu dürfen wir natürlich nicht gleich jede kritische Situation beenden – so schwer es uns auch fallen mag. Aber wir sollten moderieren, deeskalierendes Verhalten loben, Hunden zu Alternativen verhelfen und ihnen kleinschrittig beibringen wie es anders geht.

weitere Gründe warum der Mensch moderieren sollte

Ihr Hund soll doch lernen, dass Sie ein sicherer Hafen sind, ein Ort an dem nichts schlimmes passiert und an dem man Zuflucht finden kann. Vertrauen und Bindung geht durchaus kaputt, wenn der Hund merkt, dass wir ihm nicht zur Seite stehen. Dieser Vertrauensverlust zeigt sich später durchaus auch in anderen Situationen in denen wir das gar nicht brauchen können.

Probleme der Kommunikation von Hunden

Selbst Hunde die eine gute Kinderstube hatten und hündische Kommunikation beherrschen haben hin und wieder Probleme Artgenossen zu lesen.
Das liegt an verschiedenen Dingen:
Plattnasen, die röcheln und schnaufen sind spontan nicht als Freunde zu erkennen, auch Hunde ohne bzw. mit verkürzter Rute oder mit kupierten Ohren sind in der Kommunikation behindert (worden). Viele Haare oder gar Falten im Gesicht können das „Sprechen“ miteinander kompliziert machen. Doch auch der Körperbau spielt eine große Rolle. So wirken die hinten tiefergelegten Schäferhunde  oder die Terrier mit ihrem steifen Gang gern provokant. Aber all das ist nicht in Stein gemeiselt. Wir können schlechte Erfahrungen und Unkenntnis unserer Hunde mit guten Erlebnissen und fröhlichen Erfahrungen überschreiben.

Evolution der Freundlichkeit

Wir wünschen uns doch eigentlich alle einen freundlichen und netten Hund. Ein Hund der weder zu Artgenossen noch anderen Menschen doof wird. Viele Hunde sind ja auch so, doch das ist das Ergebnis der Selektion unserer Hunde. Wir haben diese Freundlichkeit in unsere Haushunde hineingezüchtet. Biologisch ist es nicht sinnvoll einem fremden Artgenossen freundlich gegenüber zu treten. In der Regel sind fremde Artgenossen eher Konkurrenten mit denen man sich um Futter, Sexualpartner und Lebensraum streitet, aber ganz sicher nicht spielt. Aggressives Verhalten ist nicht unnatürlich. Ganz im Gegenteil, es ist überlebensnotwendig.

Was also tun?

Es bleibt nicht aus, dass wir immer mal wieder einem unangeleinten „Der tut nix“ oder so begegnen. Wenn wir keinen Kontakt der Hunde wünschen oder es während des Kennenlernens der Hunde kritisch wird, sollten wir das auch kommunizieren.

So schwer es einem nach all den blöden Zusammentreffen mit anderen Hunden auch sein mag, bleiben Sie freundlich und sprechen Sie mit den anderen Hundebesitzern. Bitten Sie weiterhin freundlich darum, den anderen Hund anzuleinen, abzurufen und Co.
Erklären Sie, dass sie nicht möchten, dass ihr Hund Aggressionen einzusetzen lernt.
Hilft das alles nichts, versuchen Sie zusammen mit Ihrem Hund aus der Situation zu kommen. Dem fremden Hund eine handvoll Futter vor die Nase zu werfen und Abstand aufbauen kann durchaus funktionieren. Komischer Weise reagieren die Bezugspersonen dann prompt.

Wenn es bedrohlich wird oder sogar schon eskaliert, versuchen Sie bitte die Hunde so schnell es geht zu trennen. Ein gut aufgebauter Geschirrgriff, der dem Hund über das Vortraining schon bekannt ist, kann Wunder bewirken.
Die Stimmung über Markerignale und lobende Worte zu verbessern kann im Vowege dazu beitragen, dass sie Situation nicht kippt. Auch wenn es schwer fällt, versuchen Sie ruhig zu bleiben. Eine schrille Stimme und hektische Bewegungen haben selten eine Verbesserung erzielen können.