Rudelführung für Anfänger und Fortgeschrittene

Als Hundetrainerin begegnet mir das Thema Rudelführung und Dominanz fast täglich. Sehr zu meinem Leidwesen. Ich kann es nicht verstehen, wenn mir ein Ersthundebesitzer erzählen mag, dass Dominanz nun einmal das A und O im Hundetraining ist. Natürlich versuche ich mir das nicht anmerken zu lassen und leiste Aufklärungsarbeit 😉

Es ist mir dennoch unverständlich, wie sich ein „Wissen“ so lange hält und verbreitet, sowohl unter Hundehaltern als auch Nicht-Hundehaltern. Es sind sich alle einig: Der Mensch muss Rudelführer sein. Schließlich ist das bei Wölfen auch so.
Ist der Mensch nicht das „Alphatier“, tanzt einem der Hund auf der Nase herum und strebt die Weltherrschaft an. Ein Leben mit einem ranghöheren Hund ist somit unmöglich und gefährlich…

Fangen wir mal vorne an, zu schauen ganz sachlich, welche Teile von dieser Theorie richtig und welche falsch sind.

Rudel- wer oder was ist das?

Ein Rudel ist definiert als Zusammenschluss artspezifischer Säugetierere, meist sind diese sogar miteinander verwandt.

Rudel, umgangssprachliche Bezeichnung für eine Gruppe von Säugetieren, die stets kleiner als eine anonymisierte Herde (anonymer Verband) ist und oft aus Mitgliedern einer Großfamilie besteht. – Lexikon der Biologie- www.spektrum.de

In der Verhaltensbiologie hat sich folgende Definition durchgesetzt:
Rudel ist die umgangssprachliche Bezeichnung für eine geschlossene und individualisierte Gruppe von Säugetieren. Ein Rudel ist eine geschlossene Gruppe, weil die Mitglieder eines Rudels nicht beliebig austauschbar sind, und es ist eine individualisierte Gruppe, weil die Mitglieder der Gruppe sich untereinander erkennen. Im Unterschied dazu beschreibt die Herde einen anonymen Zusammenschluss von Tieren.

Somit können Hunde und Menschen kein Rudel bilden, denn sie sind weder miteinander verwandt noch sind Hund und Mensch artspezifisch. Das heißt im Klartext, nur Tiere gleicher Art können Rudel bilden. Eine Gruppe Hunde die sich auf einem Spaziergang trifft, bildet ebenfalls kein Rudel, denn es handelt sich um eine geschlossene Gruppe, deren Mitglieder nicht wechseln.

John Fischer:
„Ich glaube wirklich nicht, dass Hunde uns als Hunde ansehen und deshalb konkurrieren sie auch nicht mit uns um die Position im Rudel“

Eigentlich könnten wir jetzt schon aufhören, nach weiteren Argumenten für und gegen diese Rudeltheorie im Zusammenleben mit Hunden zu suchen. Aber das wäre zu einfach.

Wie funktioniert ein Rudel?

Ein Rudel kann also nur aus Hunden bestehen und nicht aus einem Mix von Hunden und Menschen. Ein Rudel von hundeartigen besteht somit aus einem Paar erwachsener Hunde/ Wölfe usw. und zwei bis drei Generationen an Nachkommen. Ähnlich wie wir Menschen Familien bilden.

David Mech:
„Ein typisches Wolfsrudel sollte als Familienverband angesehen werden, in dem die erwachsenen Eltern die Aktivitäten der Gruppe leiten und andere Wölfe in die Führung des Rudels mittels Arbeitsteilung einbeziehen….“

Aufgaben, Rechte und Pflichten eines Rudelchefs

In der Theorie der Menschen frisst der Anführer zuerst, schläft auf den besten Plätzen und nimmt sich jegliche Freiheiten heraus. Im Gegensatz zum Menschen, kennt ein Tier kein Ehrenamt. Jedes Verhalten ist von einer ganz bestimmten Motivation getrieben und soll dem Tier Vorteile bringen. Ein Verhalten, welches keinen Nutzen bringt, ist evolutionär völlige Energieverschwendung und wird eingestellt. Wölfe sind sehr wirtschaftlich mit ihrer Energie. Sie können es sich nicht leisten, mühsam angefressene Kalorien zu verschwenden. So weit so gut.

Gucken wir doch mal von einer anderen Seite auf so ein Rudel. Biologisch sind alle Tiere darauf aus, ihre Gene möglichst oft und vielfältig weiter zu geben. Wenn ein Rudelführer sich nun ständig das beste herauspickt und für seine Nachkommen nichts oder nur minder nahrhaftes Futter übrig lässt, werden seine Welpen nicht sonderlich gut gedeihen. Vielleicht sogar sterben. Ob das so sinnvoll ist?
Ganz im Gegenteil. Es wurde beobachtet, dass ein Rudel, völlig unabhängig von der  Stellung des einzelnen, gemeinsam fressen.

David Mech:
„Wenn die Beute klein ist, fressen die Elterntiere zuerst, wenn aber die Nahrung knapp wird, werden zuerst die Welpen gefüttert“

Auch macht es wenig Sinn, sich immer nur die besten Plätze raus zu suchen und den Nachwuchs erfrieren zu lassen. Vielmehr schlafen Rudel oft beieinander. Gemeinsam auf den besten Plätzen. Sie pflegen und wärmen einander.

In einem Rudel von Wölfen und Wildhunden herrscht Arbeitsteilung. Nicht das Alphatier führt alle an. Ganz im Gegenteil. Der Nachwuchs soll lernen in der Welt zurecht zu kommen, später selber eine Familie zu führen. Da geben die erwachsenen Tiere gern mal die Führung ab und lassen den Nachwuchs eigene Erfahrungen sammeln.

Günter Bloch:
So manche Menschenfamilie kann sich im sozialen Zusammenhalt der Wolfsfamilie ein Beispiel nehmen.

Sofa – Wolf ?

So, nun haben wir ganz viel über Wölfe gelernt, aber wer von Ihnen hat denn einen Wolf zu Hause? Meine Hunde sind definitiv keine Wölfe und nach den neuesten Erkenntnissen ist es auch immer noch nicht bewiesen, dass unsere Haushunde wirklich „nur“ vom Wolf abstammen. Da gibt es auch noch Dingos, Kojoten, Füchse und Schakale. Nur weil wir glauben, dass sich unsere Haushunde aus den wilden Wölfen domestiziert haben, heißt es nicht, dass auch noch immer die gleichen sozialen Strukturen vorhanden sind, wie bei wild lebenden Tieren.

Der seit 1959 andauernde Versuch des russischen Forschers Dmitrij Belyaev ist extreme spannend. Er begann auf einer Pelzfarm mit Silberfüchsen nur noch die Tiere zu verpaaren, die besonders zutraulich gegenüber dem Menschen waren. Also Tiere die wenig Angst zeigten. Die Zahmheit bzw. fehlende Ängstlichkeit vererbte sich größtenteils. Innerhalb weniger Generationen veränderte sich aber nicht nur das Verhalten sondern auch das Aussehen der Füchse.
Ohne, dass auf die Optik bei der Verpaarung Wert gelegt wurde, kamen Füchse mit runderen Köpfen, mit Schlappohren (in der freien Wildbahn gib es keine Schlappohren), Ringelruten, mit anderen Fellfarben oder sogar mit geschecktem Fell zur Welt. Auch die Scheckung von Fell ist in der freien Natur nicht vorgesehen.

Schauen wir uns also einmal unseren Vierbeiner an: wie viel Wolf ist noch zu erkennen? Mit Ausnahme wirklich nur einzelner Rassen, ist da nicht mehr viel gleiche Optik. Unsere Hunde unterscheiden sich in der Größe, in der Farbe und auch sehr in der Form vom Wolf. Auch das biologische Verhalten unserer Hunde hat sich gegenüber dem Wolf geändert. Unsere Hunde suchen den Kontakt zum Menschen, sie sind kommunikativer als Wölfe und sie sind viel früher geschlechtsreif. Zudem werden sie in der Regel zweimal und nicht nur einmal im Jahr Läufig und nicht zuletzt hat sich das Gewicht des Gehirns unseres Haushundes im Vergleich zum wilden Wolf deutlich reduziert. Warum also, sollten wir das Verhalten von wild lebenden Wölfen auf unsere Haushunde in der Stadt übertragen?

Über das Zusammenleben, die sozialen Strukturen und Verhaltensveränderungen von Gehegewölfen gibt es im nächsten Artikel mehr zu lesen.

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